Der Klimaschutz, Kant und die kritische Urteilskraft
Seit die Physikerin Dr. Angela Merkel als Bundeskanzlerin auf dem G8-Gipfel der politisch mächtigsten Staatsmänner der Welt 2007 in Heiligendamm zur „Retterin von Kyoto“ erklärt, gar zur „Klimagöttin“ erhoben wurde, wird sie nicht müde, die Rettung der Erde vor der globalen Klimakatastrophe zu verheißen. Der bloße Klimaschutz ist ihr längst zu wenig, auch der Stopp des Klimawandels kann ihren Ehrgeiz nicht mehr befriedigen. Die Bundeskanzlerin will mehr. Sie will nichts Geringeres als die „globale Klimagerechtigkeit“.
Diese Vision von totaler Klimagerechtigkeit gebar sie im vergangenen Herbst nach ihrem Besuch bei dem Klima-Über-Vater und Oskarpreisträger Al Gore. Dieser war soeben in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden mit dem Auftrag, die Klimagötter zu besänftigen und deren Klimakrieg gegen die Menschheit zu verhindern. Um ihrerseits den Friedensprozess zu beschleunigen, ist nun Angela Merkel konkret geworden. Jüngst auf dem Katholikentag in Osnabrück forderte sie in Anwesenheit der hohen Geistlichkeit, dass die CO2-Emissionen nicht nur drastisch reduziert, sondern strikt kontingentiert werden müssen auf einheitlich 2 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr. Diese Vision solle bis spätestens 2050 realisiert sein.
Vor der Kirchengemeinde ließ die „Klimagöttin“ ihrem Gerechtigkeitsgefühl freien Lauf und protestierte, dass es nicht länger angehe und auch sozial ungerecht wäre, dass ein Kalifornier sich anmaße, pro Jahr 20 Tonnen CO2 in die Luft zu blasen, wohingegen ein Afrikaner nur 0,2 Tonnen emittiere. Dies sei eine zum Himmel schreiende, nicht länger hinnehmbare Ungerechtigkeit. Mit dem Faktor 10 ließe sich das Problem nach dem Gleichheitsgrundsatz einfach und gerecht lösen: 20 durch 10 ergebe 2 und 0,2 mal 10 ergebe auch 2! Dieses Kompromissangebot für globale Klimagerechtigkeit wurde mit frenetischem Beifall beklatscht. Doch ist es nicht schon zu spät für diese planetare Rettungsaktion? Nach Schätzungen des ebenfalls mit dem Friedennobelpreis gekrönten UN-Klimaexpertengremiums IPCC drohe schon in 13 Jahren, also im Jahr 2020, das Globalklima zu kollabieren. Ob dann noch der Wiederbelebungsversuch der Kanzlerin helfen könne? Doch dieser Kleinmut entmutigt nicht die Kanzlerin, ist ihr doch ein politisches Kunststück ohnegleichen gelungen. Bei seinem Abschiedsbesuch konnte sie den weltweit größten Klimamuffel, den scheidenden US-Präsidenten George W. Bush, für ihre epochale Idee zumindest partiell erwärmen.
Seit im Jahre 1986 die Warnung vor der Klimakatastrophe ausgerufen wurde, ist der Klimaschutz in aller Munde. Mit zwei milliardenschweren Klimapaketen zulasten der Bürger will die Bundesregierung die Klimagefahren abwenden und weltweit beispielhaft sein. Doch fragt man die Klimaexperten, wie die Klimagefahren konkret aussehen, dann hört man die sybillinische Auskunft: es wird sowohl heißer und kälter, trockener und nasser, es gebe mehr Orkane und Hurrikane,… und keinen Schnee mehr in den Alpen. Doch Wetterkapriolen hat es schon immer gegeben und wird es zukünftig auch geben. Wenn sich die Klimakatastrophe in einer Zunahme von Wetterkatastrophen auswirkt, warum dann der teure Umweg Klimaschutz? Schützen wir doch gleich das Wetter!
Das stellt uns vor die Fragen: Was ist Wetter, was ist Klima und was unterscheidet beide? Dies ist eine erkenntnistheoretische Frage, die am besten Immanuel Kant, der Vater des Kritizismus, beantworten kann. Der Königsberger Kant hatte sich in jungen Jahren mit den Problemen der Physik befasst. 1755 erwirbt er den Doktorgrad mit der Abhandlung „Über das Feuer“. Im gleichen Jahr 1755 erscheint „Die allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“. Ab 1760 widmet sich Kant zunehmend Fragen der Erkenntnis. Er setzt sich mit den Lehren des Rationalismus und Empirismus auseinander und begründet 1781 mit der „Kritik der reinen Vernunft“ eine neue philosophische Richtung: den Kritizismus. Erkennen heißt nach Kant, eine Vorstellung mit ihrem Gegenstande zur Übereinstimmung bringen. Anders ausgedrückt: Durch unsere Sinnlichkeit wird uns der Rohstoff der Erkenntnis in Form von Anschauungen gegeben. Unsere Sinnlichkeit wie unsere Anschauung sind gebunden an den Raum und die Zeit. Die sinnlich erfahrbaren Dinge in Raum und Zeit sind die Stoffe unserer Erkenntnis.
Alles Leben spielt sich im Raum wie in der Zeit ab. Auch das Wetter spielt sich in Raum und Zeit ab und ist daher erfahrbar. Es begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre. Eines hat der Mensch in seinem Werdegang gelernt, sich überall dem Wetter anzupassen und die ganze Erde zu besiedeln. Alle theoretisch erdachten Abstraktionen dagegen spielen sich außerhalb von Raum und Zeit ab und entziehen sich unserer Erkenntnis. Sie sind nicht erfahrbar. Solch eine mathematische Abstraktion ist das „Klima“, das statistisch von Wetterbeobachtungen abgeleitet wird. Das Klima ist im Gegensatz zum Wetter kein Naturvorgang, es hat keine eigene Realität und daher können von ihm niemals Gefahren ausgehen. Folglich kann sich der Mensch unmöglich am Klima versündigen, kann er zum bösen „Klimakiller“ werden. Friedrich Engels, Freund und Förderer von Karl Marx, hat diesen Sachverhalt sehr klar im Jahre 1878 in seiner „Dialektik der Natur“ an folgendem Beispiel veranschaulicht. Engels stellte fest, dass der Mensch die Angewohnheit und Eigenschaft habe, sich von sinnlichen Dingen Abstraktionen zu machen, um dann diesen Abstraktionen wieder sinnliche Gestalt zu geben. Der Mensch fasst Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen etc. zu der Abstraktion „Obst“ zusammen. Nach ärztlichem Rat solle er seiner Gesundheit zuliebe viel Obst essen, doch gerade dies sei unmöglich. Obst ist kein sinnliches Ding wie ein Apfel. Es ist ein „Ding an sich“, ein Sammelbegriff, und kann folglich auch nicht gegessen werden. Und dennoch glauben wir felsenfest, täglich Obst zu essen und gesund zu leben.
Engels wusste wie Kant, deutlich zu unterscheiden zwischen dem „Ding“ und dem „Ding an sich“. Danach ist das Wetter das wirkliche und stets veränderliche „Ding“ und das Klima das abstrakte „Ding an sich“. Das Klima ist ein Sammelbegriff für alles Wetter, es ist ein theoretisch erdachtes und berechnetes Konstrukt, eine Fiktion. Als solche entzieht es sich unserer direkten Erkenntnis. Das Klima beschreibt ein nicht existentes Durchschnittswetter. Es ist ebenso unwirklich wie der Durchschnittsmensch. Alle Klimaschutzbemühungen scheitern grundsätzlich daran, dass man eine Abstraktion weder in guter noch in böser Absicht beeinflussen oder verändern kann. Nach allen Regeln der Logik ist daher das ehrgeizige Vorhaben der Kanzlerin, globale „Klimagerechtigkeit“ zu schaffen, eine wirklichkeitsferne und nie realisierbare Utopie. Solange das Wetter auf Erden macht, was es will, und uns nicht untertan ist, solange sind alle Klimaschutzbemühungen nur Schall und Rauch, nichts als leere politische Versprechen, ein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen.
Fassen wir kurz zusammen: Alle unsere Erfahrung setzt sich nur aus tatsächlichen Erscheinungen zusammen. Eine Erfahrung ist praktisch nur möglich, wenn ihr eine wahrnehmbare Realität entspricht. Wenn keine Realität wie bei der Rechengröße Klima wahrgenommen wird, dann haben wir eben keine Erscheinung. Eine wahrnehmbare Realität in seinen vielfältigsten und täglich wechselnden Erscheinungsformen ist das Wetter. Die Lufttemperatur wie der Wind sind wahrnehmbare Erscheinungen. Nicht wahrnehmbar sind errechnete Größen wie die Jahresmitteltemperatur oder die mittlere Windgeschwindigkeit! Erst recht nicht wahrnehmbar sind globale Mittelwerte. Die Globaltemperatur von 15 Grad ist eine abstrakte Fiktion, von keinerlei Nutzen, weder für einen Eskimo oder einen Pygmäen. Klimawerte sind nicht wahrnehmbar, folglich keine dingliche Erscheinung in der Natur. Durch reines, anschauungsloses, abstraktes Denken kann keinerlei Erkenntnis erzielt werden. Bloße Gedankendinge sind nach Kant niemals Gegenstand der Erkenntnis. Wir erkennen nur Erscheinungen, sinnliche Dinge. Über „Dinge an sich“ können wir nichts aussagen.
Kant hat dem Wissen, den Wissenschaften klare Grenzen gesetzt, um für den Glauben Platz zu schaffen. Metaphysik als Wissenschaft von Übersinnlichen ist unmöglich. Dies gilt ebenso für die Klimaphysik! Weil sich „Klima an sich“ unserer Erkenntnis entzieht, ist die Klimaschutzpolitik ein ideales ideologisches Schlachtfeld, auf dem „viel Lärm um Nichts“ gemacht wird und sich alle als Sieger und Retter der Menschheit feiern und fühlen können. Doch was wir auch anstellen mögen, das Wetter kümmert sich nicht darum und macht wie seit Urzeiten das, was es will. Die sicherste aber nichts aussagende Wettervorhersage lautet: Alles, was in der Vergangenheit möglich war, wird auch in Zukunft möglich sein! Dafür braucht man keine Klima-Astrologen!
Das alles weiß natürlich auch der Klima-Über-Vater Al Gore, der kurz vor dem 15. Un-Klimagipfel in Kopenhagen sein neuestes Buch präsentierte. Es trägt den ebenso Mut machenden wie verheißungsvollen Titel „Wir haben die Wahl“. Darin verkündet er mit stolzer Brust: „Wir besitzen alle Werkzeuge, um die Klimakrise zu lösen“. Doch schade nur, dass er sich über die Werkzeuge ausschweigt, die wir angeblich besitzen. Solche Sätze machen uns nicht schlauer, erhöhen aber die Abhängigkeit zu dem Allwissenden. Eines aber verrät er uns: „Die Klimakrise hat sich aber als eine abstrakte Bedrohung verkleidet. Die Zeit zwischen ihrem Entstehen und ihrer vollen Sichtbarkeit ist sehr lang.“ Al Gore hat Immanuel Kant gelesen! Er weiß, dass das Klima eine abstraktes Gespenst ist, doch als solches braucht es sich nicht zu verkleiden und stellt auch keine Bedrohung war. Ein nackter Pygmäe wäre wirklich in seiner Existenz bedroht, würde in seinem Urwald eine Jahresmitteltemperatur von nur 15 Grad herrschen. Und clever ist Al Gore auch: Damit sein florierendes Geschäft mit Weltuntergangs- und Klimaängsten auch keinen Schaden nimmt, baut er bis zum Sichtbarwerden des Klima-Gespenstes eine nicht definierte, aber „sehr lange“ Zeit ein, die Jahre aber auch Jahrtausende betragen kann. Die Zeit liegt mit Sicherheit jenseits seiner maximalen Lebenserwartung.
Alles, was auf dem Kopenhagener Klimagipfel auch beschlossen werden mag, hat einen politischen Placeboeffekt. Es hilft zwar nicht, wirkt aber irgendwie bei denen, die daran glauben. Wenn Kopenhagen nicht zur Ressourcenverschwendung beitragen und exorbitant viel Geld kosten würde, dann könnte man diesem Theaterstück belustigt zusehen. Der winzige Mensch probt den Aufstand gegen die Wettergötter und will diese über das Klima in die Schranken weisen. Das ist ein Stoff, aus dem Satiren geschmiedet werden. Doch das ganze Spektakel hat einen ernsten Hintergrund, es kostet Summen, ja Unsummen, die letzten Endes nichts, aber auch rein gar nichts am Wetter und seiner gewohnten Veränderlichkeit wie Unbeständigkeit ändern werden. Alle, die heute noch dieses Spiel mitspielen und sich auf der Gewinnerseite wähnen, werden wie beim Platzen der Immobilienkrise und dem Sichtbarwerden der Finanzkrise eines Tages erkennen, dass sie nach abbrennen eines kurzen Strohfeuers alles verloren haben werden.
Ein industriefreies, dekarbonisiertes, ja „CO2 – freies Deutschland“, wie es dem neuen von Bundeskanzlerin Angela Merkel ernannten Präsidenten des Umweltbundesamtes Jochen Flasbarth bis 2050 vorschwebt, wird ein totes Deutschland sein, ohne Mensch, ohne Tier, ohne Pflanze. Die Pflanzen werden als erste sterben müssen, denn sie sind zum Wachsen auf die Existenz von Kohlendioxyd in der Luft angewiesen. Es ist ihr unverzichtbares Nahrungsmittel, soll die Photosynthese funktionieren. Bekanntlich sind die grünen Pflanzen die Primärproduzenten, von denen alles andere Leben abhängt. Sie liefern die Nahrung und mit ihr den Sauerstoff, um mit ihm im Körper die Nahrung zu verbrennen und die darin gespeicherte Sonnenenergie als Lebensenergie zu nutzen. Bei der reinen Nahrungsverbrennung wurden pro Kopf pro Tag etwa 1 Kilogramm CO2 in die Luft emittiert. Das wird aber Schritt für Schritt untersagt werden, denn dem Ziel „CO2-freies Deutschland“ ist nie widersprochen worden, muss also als Richtlinie der CDU-CSU-FDP-Bundesregierung angesehen werden. Wird diese Politik Wirklichkeit, dann ist zwar die Welt um ein tüchtiges Volk ärmer, aber nach diesem Klimaopfer kann sie wieder zur Tagesordnung zurückkehren.
Auch die Strahlströme werden wie gewohnt über Deutschland hinweg ziehen und mit ihr abwechselnd Tief- und Hochdruckgebiete, die mal stärker mal schwächer, mal schneller, mal langsamer sind oder auch längere Zeit hier verweilen. Sonne, Wolken, Regen, Hitze, Dürre, Kälte, Schnee, Wolkenbrüche, alles wird es weiterhin geben, nur uns nicht! Wir stehen vor dem Scheideweg: Wollen wir weiterhin sinnlos das Klima schützen, oder aber sinnvoll an die Bewältigung der Herausforderungen gehen, die das Leben stellt und die alle Generationen vor uns gemeistert haben. Was uns daran hindert, sind die vielen Ideologien, die uns am klaren Denken hindern und den Verstand lähmen. Auch da kann Kant helfen: Sapere aude! Wage, deinen eigenen Verstand zu benutzen, um dich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.
Eine kleine Eselsbrücke: Unterscheiden Sie wieder zwischen Wetter und Klima! Das erste gibt es, das zweite ist eine menschliche Hilfskonstruktion, statistisch gewonnen als Abfallprodukt langjähriger meteorologischer Messungen.
Oppenheim, den 01. Dezember 2009
Dr. Wolfgang Thüne
Deutsch
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