Abstraktionen verstellen den Blick auf die Wirklichkeiten
Unsere Sprachen sind voller Bilder, die wir seit frühester Jugend aufgenommen und in unserem Innersten, dem Unterbewusstsein, gespeichert haben und denen erst später Worte zugeordnet wurden. Das Bild Hund wurde über das „wau-wau“ zum Wesen Hund, das konkret aber auch abstrakt böse sein kann. Allein das Wort Hund kann Angstgefühle als Instinktreaktion auslösen. In den Händen der Herrschenden und Mächtigen sind Ängste seit Urzeiten probate Instrumentarien, um sich Menschen hörig und untertänig, sie für ihre Dienste nutzbar zu machen.
Neben der realen Welt wird ein Kind über Märchen mit virtuellen Scheinwelten vertraut gemacht, um zu lernen, Ängste wieder abzubauen und Problemlösungsmöglichkeiten bei Lebenskonflikten durchzuspielen. Neben die realen und virtuellen Welten treten später zunehmend die abstrakten Welten. Abstraktionen beherrschen inzwischen praktisch die Welt. Ein Beispiel aus der Kunstszene: Mit der abstrakten Malerei wurde es „schick“, sich beliebig weit von der Wirklichkeit zu entfernen, ihr die Gegenständlichkeit zu nehmen, sie der eigenen Phantasie unterzuordnen und fremde Phantasien zu stimulieren. Man begann, die wirkliche Welt hinter einer Modellwelt zu verstecken. Die Idee wird zur Welt über die Ideologie, die schließlich nach Konkretisierung verlangt.
Die Abwendung von der wirklichen Welt hin zu abstrakten Modellwelten lässt sich an der Ökonomie beispielhaft darstellen. Ihre ursprüngliche Aufgabe war es, das Wirtschaftsleben durch allgemein gültige Ordnungsregeln zu befrieden. Die Wirtschaft wurde als Teil des Zusammenlebens der Menschen betrachtet. Die moderne neoklassische Ökonomie hat davon abstrahiert und entwirft stattdessen Modellwelten, die mit den Realitäten nicht viel gemein haben. Doch alle Ideologien sind künstlich entworfene Denkkonstruktionen. Man abstrahiert von der komplexen Wirklichkeit, reduziert sie auf wenige Gesetzmäßigkeiten und konstruiert mit den sehr begrenzten Mitteln menschlicher Logik „Ideenwelten“ als „Modellwelten“. Jeder versucht, seine Idee zum allgemeinen „Gesetz“ zu erhoben und auf politischer Ebene als zwingend notwendige Reformen durchzusetzen, evolutionär oder revolutionär.
Inzwischen wimmelt es auf der Welt nur so von konkurrierenden und sich ausschließenden Modellen, deren Propagandisten alle die Welt verbessern wollen, auf einen Idealzustand zustreben. Wir sind umzingelt von Machertypen, die Innovationen generieren. Die Finanzwelt scheint sich darauf zu beschränken, Geld zu generieren, koste es was es wolle. Doch alle ökonomischen Ideologien sind bisher, wie das Weltmodell von Forester, das 1972 vom Club of Rome als unanfechtbares „ultimatives Weltmodell“ propagiert wurde, sind gescheitert. Bezeichnenderweise ging die überwiegende Zahl an Nobelpreisen in der Ökonomie in den letzten Jahrzehnten an Spieltheoretiker. Ihr ideales Spielzeug ist der Computer, der es erlaubt, wie vom Fließband Weltmodelle zu generieren. Doch alle ökonomischen Ideologien sind an der Wirklichkeit gescheitert. Jedes Modell behauptet wahr zu sein, trägt aber zur Relativierung der Wahrheit bei. Selbst die klassische Familie ist nur noch ein Modell unter vielen anderen konkurrierenden Lustmodellen!
Das Theoretisieren mit abstrakten Modellen in der Gesellschaft begann mit Henri de Saint-Simon (1760 – 1825). Er hat die Ideologie des „Technokratismus“ begründet und die moderne Wissenschaft zu einer Art Religion erhoben. Seine Hauptwerke, geschrieben in den Jahren 1820 bis 1824, sind: „Vom industriellen System“, der „Katechismus der Industriellen“ und „Von der Gesellschaftsorganisation“. Beteiligt daran war sein Sekretär Auguste Comte (1798 – 1857), der Begründer der Denkschule des Positivismus und der Soziologie, die er zuerst „soziale Physik“ nannte. Comte formulierte das 3-Phasen-Gesetz. Zuerst gab es die „kindliche“ Religion, dann die „jugendhafte“ Metaphysik und nun herrsche die „männliche“ Wissenschaft.
Mit der Formulierung von bestimmte Modellwelten beschreibenden Ideologien begann auch das Zeitalter der Utopien, des Utopismus. Auch ihre Zahl ist inzwischen Legion. Die modernste, die Weltpolitik dominierende Utopie ist der Wunsch nach einen „Wetter- und Klimagleichgewicht“, nach „Klimakonstanz“. Um diesen gigantischen Irrglauben an die heile vorindustrielle Klimawelt plausibel zu machen, wurde die Gefahr „Klimakatastrophe“ erfunden als größter anzunehmender Unfall (GAU) der Menschheit. Der akut drohende Weltuntergang werde durch die Industriealisierung, ihren Energiehunger wie die Emission von „Treibhausgasen“ verursacht. Rein ideologisch lasse sich die Gefahr nur durch die Abschaffung oder die Transformation der Industriegesellschaften durch Entkarbonisierung der Energieerzeugung bannen.
Der Umbau ist die große Stunde der politisierenden Gesellschaftsingenieure. Sie predigen eine „grüne Ökonomie“, die gleichbleibende Temperaturen garantiere, den Klimawandel stoppe oder zumindest auf das Zwei-Grad-Ziel fixiere. Zumindest in den Klimamodellen hat sich der Mensch zum Herrscher über die Natur aufgeschwungen, die Rolle des Klimagottes angenommen, dem die Wettergötter zu gehorchen haben. Wenn Oliver Stuenkel in einem Aufsatz „Internationale strategische Bedrohungen für Brasilien“ der Konrad-Adenauer-Stiftung zum für Brasilien bedrohlichen Klimawandel feststellt, dass dieser „auf mangelnde Regierungskontrolle“ zurückzuführen sei, dann wird die UN-Klimapolitik verständlich.
Wenn die weltweiten Treibhausgas-Emissionen die Welt in die Klimakatastrophe treiben, dann ist es höchste Pflicht der Vereinten Nationen, aus ethisch-moralischer Verantwortung zum Schutz der Welt das Heft in die Hand zunehmen und die Staaten zum Klimaschutz zu zwingen. Aktivismus ist angesagt, auch wenn sich das Wetter und die Temperaturen nie und nirgends auf der Welt nach dem Kohlendioxidstoffgehalt der Luft gerichtet haben und richten werden, weil der angebliche „natürliche Treibhauseffekt“ nichts als ein Phantom ist, ein Angst einflößender Geist! Dem Modellkonstrukteur IPCC wurde in „des Kaisers neue Kleider“ gewandet, ihm zudem Unfehlbarkeit zugesprochen!
Irgendwie fühlt man sich an Karl Marx (1816 – 1883) erinnert. Als Gesellschaftskritiker stellte er fest, dass die Philosophen die Welt bisher verschieden interpretiert hätten, dass aber nun darauf ankomme, sie zu verändern. Exakt diese Veränderung geschieht derzeit vor unseren Augen unter dem Vorwand „Transformation der Industriegesellschaften“ zwecks Vermeidung der globalen Klimakatastrophe, der Abwendung des Weltuntergangs. Aktiv und ökonomisch sehr erfolgreich beteiligt sich an diesem Vorhaben der frühere US-Vizepräsident Al Gore. Als Klima-Friedensnobelpreisträger bezeichnete er die „Klimakrise“ als abstraktes Gespenst, das sich zudem verkleidet habe. Al Gore selbst glaubt nicht an das Gespenst „Klimakrise“, er nutzt aber als ‚homo politicus‘ die Angst vor dem Gespenst, um Geld zu generieren!
Wann beherzigen wir Menschen endlich die Aufforderung von Immanuel Kant (1724 – 1804), den Mut zu haben und den eigenen Verstand zu benutzen, um uns aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Wann werfen wir die Nasenringe ab, an denen wir durch selbsternannte fürsorgliche „Hirten“ durch die irdischen grünen Weidegründe geführt werden? Wann werden wir mündige Bürger?
Ist es für uns Bürger so schwer zu unterscheiden zwischen der realen Wetterwelt und der ebenso abstrakten wie fiktiven Klimawelt? Dazu bedarf es nur eines Blickes auf eine Klimakarte in einem Erdkundebuch. Sie ist absolut unbeweglich. Im Vergleich dazu blicke man auf die sich stündlich ändernden, beweglichen Wetterkarten. Wem dann noch nicht ein Licht aufgegangen ist zwischen Realität und Abstraktion, der darf sich nicht wundern, wenn die staatlichen Klimaschutzschrauben an seinen Fingern immer fester angezogen werden, die Energiepreise ins Astronomische steigen. Für mich ist die Schmerzgrenze schon längst überschritten.
Nur noch eine wehrhafte Demokratie mit mutigen Bürgern kann uns vor Schlimmerem bewahren!
Oppenheim, den 20. Oktober 2010
Dr. Wolfgang Thüne
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